Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Wie König Edmund auf dem Abort ermordet wurde – oder auch nicht



Der Mörder wartete in der Jauchegrube. Als König Edmund II. von England, genannt «Ironside» («Eisenseite»), am 30. November des Jahres 1016 den Abort aufsuchte, um «einem Ruf der Natur zu folgen», wie ein Chronist erzählt, stach der Attentäter zu. Zweimal rammte er sein Mordwerkzeug in die «niederen Teile» des Königs, liess es dann im Leib des Sterbenden stecken und machte sich davon.

Edmund's Death
Battle of Assandun from Life of St. Edward the Confessor, Cambridge Univ. Library, MS Ee.3.59
https://mercedesrochelle.com/wordpress/wp-content/uploads/2014/02/ashingdon-Life-of-St-Edward-the-Confessor-MS-Ee.3.59.jpg

Edmund, auf dem Abtritt gepfählt, haucht sein Leben aus. Bild: life of st edward the confessor, cambridge univ. library

Der infame Anschlag, der das Leben Edmunds vorzeitig beendete, fand ziemlich sicher nicht so statt. Verbürgt ist aber, dass Edmund Ironside tatsächlich am Tag des heiligen Andreas 1016 starb. Sein Tod, gewaltsam oder nicht, ebnete dem dänischen König Knut dem Grossen den Weg, dem nun die Herrschaft über ganz England zufiel.

Erbe in schwierigen Zeiten

Edmund Ironside war nur gerade sieben Monate lang König von England gewesen. Der Sohn von König Æthelred hatte sein Erbe in schwierigen Zeiten angetreten. Schon sein Vater, der den wenig schmeichelhaften Beinamen «the Unready» («der Unberatene», «der Unfertige») trug, hatte während seiner Herrschaft den ständigen Angriffen der dänischen Wikinger kaum etwas entgegenzusetzen. 1013 musste Æthelred sogar vor dem dänischen König Sven Gabelbart ins normannische Exil flüchten. Erst nach dessen Tod 1014 rief ihn der Witan, der Rat der englischen Würdenträger, nach England zurück.

Æthelred von England, Miniatur in der Chronik von Abingdon
https://de.wikipedia.org/wiki/Æthelred_(England)#/media/Datei:Ethelred_the_Unready.jpg

Æthelred the Unready. Bild: Wikimedia

Doch Sven Gabelbarts junger Sohn Knut, der von Æthelred vertrieben worden war, sammelte in Dänemark ein grosses Heer und landete im Sommer 1015 mit mehr als 200 Schiffen erneut in England. Bald hatte er den grössten Teil des Landes erobert und belagerte Æthelred in London, wo dieser im April starb. Nun riefen die Londoner Edmund zum König aus, während der Witan in Southampton Knut zum König proklamierte. Mit Hilfe Edmunds widerstand London vorerst den Dänen, und Edmund konnte einige kleinere Gefechte gegen die Invasoren gewinnen, was ihm den Beinamen «Ironside» eintrug. Doch dann kam es am 18. Oktober zur Entscheidungsschlacht von Assandun, die mit einer verheerenden Niederlage Edmunds endete.

Zweikampf der Könige

Edmunds geschlagenes Heer zog sich dem Bristolkanal und dem Severn entlang zurück, die Dänen folgten. Der Legende nach trafen Edmund und Knut auf Olney Island im Severn aufeinander, wo es aber statt zu einer weiteren Schlacht zu einem Zweikampf der beiden Könige um die Herrschaft kam. Als Edmund auf Knut einschlug und den Dänen so hart bedrängte, dass dessen Schild brach, rief Knut plötzlich: «Warum sollte jeder von uns sein Leben für eine Krone aufs Spiel setzen? Lass uns Brüder durch Adoption sein und das Königreich aufteilen!»

Ironside battles Canute, this illustrates the actual history the play is based on. From the Chronica Majora of Matthew Paris, in the Parker Library, Cambridge.
https://en.wikipedia.org/wiki/Edmund_Ironside_(play)#/media/File:EdmundIronside_Canutethe_Dane1.jpg

Der Zweikampf zwischen Edmund (l.) und Knut. Bild: Wikimedia

In der Tat kam es zu einem Ausgleich zwischen Edmund und Knut – während Edmund nur über Wessex herrschte, fiel Knut der gesamte Rest Englands zu. Zur Vereinbarung gehörte zudem, dass jeder der beiden Könige beim Tode des anderen die Herrschaft über das ganze Reich übernehmen sollte. Genau dies geschah denn auch nur einen Monat später, als Edmund – womöglich auf dem Abort gemeuchelt – das Zeitliche segnete. Nun gelangte auch Wessex unter die Herrschaft Knuts, der fortan fast 20 Jahre lang ein grosses Nordseereich regierte, das auch Dänemark, Südschweden und Norwegen umfasste.

Battle of Assandun from Life of St. Edward the Confessor, Cambridge Univ. Library, MS Ee.3.59
https://mercedesrochelle.com/wordpress/wp-content/uploads/2014/02/ashingdon-Life-of-St-Edward-the-Confessor-MS-Ee.3.59.jpg

Der Ablauf der Ereignisse auf einem Bild, von links nach rechts: Edmund und Knut bei der Schlacht von Assandun und beim Bruderkuss, der ihren Friedensvertrag besiegelt, Edmunds Tod auf dem Abort. Bild: Life of St Edward the Confessor, Cambridge Univ. Library

Eadric, der Verräter

Edmunds Tod war vielleicht eine Folge von Verwundungen, die er sich sechs Wochen zuvor in der Schlacht von Assandun zugezogen hatte. Durchaus möglich ist auch, dass er an einer Krankheit starb. Die zeitgenössischen Chronisten erwähnen keinen Mord – erst später brachte man Edmunds frühes Ableben mit einem Mann in Verbindung, der als einer der grössten Schurken der frühen englischen Geschichte gilt: Eadric of Mercia, genannt Eadric Streona.

Eadric war aus niedrigen Verhältnissen zum Ealdorman von Mercia aufgestiegen, hatte für König Æthelred missliebige Adlige aus dem Weg geräumt und dessen Tochter Eadgyth geheiratet, was ihn zum Schwager Edmunds machte. Nach der Invasion der Dänen wechselte er mehrmals die Seiten, wurde von Edmund aber wieder aufgenommen – vielleicht, weil er sein Schwager war, vielleicht aber auch, weil Edmund seine Truppen dringend brauchte. Bei der Schlacht von Assandun verriet Eadric Edmund aber erneut. Er zog mitten im Gefecht seine Truppen ab und ermöglichte so den entscheidenden dänischen Sieg.

Eadric, der von späteren Chronisten für eine ganze Reihe von Schandtaten verantwortlich gemacht wurde, sollte auch die Schuld an Edmunds Tod tragen: Eadrics Sohn sei es gewesen, der in seinem Auftrag dem König in der Jauchegrube auflauerte, berichtete der bedeutende englische Geschichtsschreiber Henry of Huntingdon etwa hundert Jahre später. Und Huntingdon beschreibt auch, welchen Lohn der verräterische Ealdorman am Ende erhielt. Als Eadric König Knut aufsuchte und sich der Beseitigung Edmunds rühmte, erwiderte Knut: «Als Belohnung für deinen grossen Dienst werde ich dich höher machen als alle englischen Adligen!» Dann liess er Eadrics Haupt abschlagen und auf einer Stange auf dem höchsten Turm Londons anbringen.

Knut lässt 1017 Eadric enthaupten.
https://vikinghistorytales.blogspot.com/2016/05/1017-eadric-streona-was-killed-at.html

Knut lässt Eadric enthaupten. Bild: vikinghistorytales.blogspot.com

Nur wenige Jahre später kam das Aus für die Wikinger in England:

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Wikinger-Kurs: Kochen, schmieden, kämpfen

So läuft ein Wikinger-Festival in Schottland ab

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

33
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
33Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • danmaster333 06.07.2020 11:54
    Highlight Highlight Stell dir vor, du gehst aufs Klo fürs Grosse Geschäft, nimmst sogar eine Zeitschrift mit, und lässt dir dabei gemütlich Zeit. Dann sticht dir so ein Süücheib mit einem Spiess von unten in die Weichteile. Nicht cool.
    • Patrik Hodel 06.07.2020 19:42
      Highlight Highlight Da kannst Du nur hoffen, ihm vorher zünftig auf sein Haupt ge...kackt zu haben. 😛💩
  • DrDeath 05.07.2020 20:06
    Highlight Highlight Und dieses noch:
    Play Icon
  • Randen 05.07.2020 19:00
    Highlight Highlight Zeigt einmal mehr. Früher war alles besser!
  • Heidi73 05.07.2020 18:59
    Highlight Highlight Ich sehe darin den Stoff, aus dem Shakespeares Dramen entstanden. Sehr spannend!
    • Loeffel 05.07.2020 20:22
      Highlight Highlight Ich empfehle Dir „The Last Kingdom“ auf Netflix 😉
    • Clay 06.07.2020 09:09
      Highlight Highlight oder vikings....
  • DrDeath 05.07.2020 18:24
    Highlight Highlight Da drängt sich die Frage auf: wie hat der Attentäter den König aus der Perspektive erkannt?
    • Samurai Gra 05.07.2020 23:14
      Highlight Highlight Vielleicht hatte der König einen Unverkehnbaren Abort Geruch? 🤔👃
    • DrDeath 06.07.2020 07:04
      Highlight Highlight Samurai Gra ...den der Attentäter erschnüffelte, während er bis zum weisnichtwo in einer Senkgrube st nd?
    • lilie 06.07.2020 07:53
      Highlight Highlight Ich gehe mal davon aus, dass es eine königliche Toilette gab, auf der nur der Monarch thronte. 😉
    Weitere Antworten anzeigen
  • Ihre Dudeigkeit 05.07.2020 14:57
    Highlight Highlight Darum immer Türe and abschliessen auf dem stillen Örtchen. 👆
    • Samurai Gra 05.07.2020 16:34
      Highlight Highlight Isr Dein Abort Dein Panix Room? 🤭
    • Ihre Dudeigkeit 05.07.2020 18:04
      Highlight Highlight Ja, die Geschichte bestätigt es... 😳 🤔🙃
    • Bambusbjörn aka Planet Escoria 05.07.2020 18:38
      Highlight Highlight Ich würde es eigentlich lieber wie Rick halten.
      Ein einsames Klo auf einem wunderschönen aber unbewohnten Planeten, den nur ich kenne. 😏😉
    Weitere Antworten anzeigen
  • wustasoos 05.07.2020 14:37
    Highlight Highlight Geschichte: immer wieder spannend. Auch die zeitgenössischen Illustrationen dazu; die zweitletzte hat mich in Bezug auf die Hufe der Pferde interessiert: sieht so aus, als hätten die Pferde «Spikes». Tatsächlich, wie mir Wikipedia erklärt. Wieder einmal etwas gelernt, das ich beim Quiz heute Abend wahrscheinlich zwar nicht brauchen kann, aber trotzdem bereichernd ist :) Vielen Dank.
  • Peter Vogel 05.07.2020 14:27
    Highlight Highlight Unsichere Zeiten waren das damals. Als Adeliger musste man ständig damit rechnen aus dem Weg geräumt zu werden. Als Bauer war man nichts wert.
  • swisskiss 05.07.2020 13:32
    Highlight Highlight Und die Moral von der Geschicht? Köpfe zusammenstecken ist was Gutes. Köpfe zusammen stecken, eher nicht.
  • Samurai Gra 05.07.2020 13:14
    Highlight Highlight Das erinnert mich 🤏 an die Lennisters 🤣
    • Loeffel 05.07.2020 13:39
      Highlight Highlight Lennisters? Nicht wirklich. Und du kennst wohl Uthred auch nicht? (Empfehlenswert) 😉

      Benutzer Bild
    • Loeffel 05.07.2020 15:27
      Highlight Highlight Wohl eher Last Kingdom als GoT...
    • Samurai Gra 05.07.2020 16:32
      Highlight Highlight @Loeffel: Ich beziehe mich da auf den Tatort Abort 😏

      Klar kenne ich The Last Kingdom aber als sich irgendwann ab Staffel 3 alles Wiederholte pausiere ich
    Weitere Antworten anzeigen
  • Thomas Oetjen 05.07.2020 13:09
    Highlight Highlight Das Mörderwerkzeug stecken lassen? Wie unvorsichtig. Da Kriegen sie ihn ja wegen den Fingerabdrücken.
  • lilie 05.07.2020 12:56
    Highlight Highlight Ach, so viel Liebreiz und höfische Korrektheit, da wird einem ja richtig warm ums Herz! 😬

    Und Knut hatte ja mal eine noble Vorstellung von Bruderliebe. Hat er die bei Kain abgeschaut? 😏

    Allerdings muss ich zugeben, dass ich seine Entscheidung, den Schurken und Wendehals Eadric zu enthaupten, nachvollziehen kann. Von so einem Typen weiss man ja nie, wenn er einem in den Rücken fällt. 😬

    Danke, @Dani, für die spannende Geschichte! Ich hoffe, dass sie dich so in Beschlag genommen hat, dass du dafür beim Quiz ein kleines Leistungstief hattest. 😅
    • Soufaa 05.07.2020 15:13
      Highlight Highlight Danke für diese Lehrstunde. Mir gefällt der Teil vom höchsten Engländer, er hat Wort gehalten.
  • smartash 05.07.2020 12:46
    Highlight Highlight liest sich ein wenig wie eine Mischung aus Vikings und The Last Kingdom 😂

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Jakob Fischbacher*. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus Syrien …

Artikel lesen
Link zum Artikel