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Wie ein Ostdeutscher vom eigenen Vater an die Stasi verraten wurde

Als Jugendlicher hatte Andreas Mehlstäubl einen grossen Traum. Er wollte als Matrose zur See fahren. Doch das durfte er nicht, denn die Stasi hatte den jungen Mann im Visier. Ein Portrait.

Christoph Reichmuth aus Berlin / ch media



Andreas Mehlstäubl hatte als Jugendlicher einen Traum: Zur See fahren als Matrose. Einmal unter Palmen liegen. Die Welt entdecken. Raus aus der miefigen DDR. Über den zweiten Bildungsweg lässt sich der ­gelernte Schlosser 1985, er ist nun 20-jährig, zum Matrosen ausbilden.

Sein Traum rückt näher. Doch drei Tage, bevor das Schiff nach Griechenland aufbrechen soll, wird er in Rostock ins Büro seiner Vorgesetzten zitiert – aus der Traum von der Fahrt zur See. Ohne Begründung wird er heimgeschickt. Zurück nach Potsdam, der Stadt, in der er aufgewachsen ist.

Andreas Mehlstäubl wurde wegen «Republikflucht» verurteilt.

Andreas Mehlstäubl in der Gedenkstätte Hohenschönhause. Der 54-Jährige macht im ehemaligen Stasigefängnis Führungen. Bild: Rudi-Renoir Appoldt

Heute weiss Andreas Mehlstäubl, warum er damals nicht mitfahren durfte: Das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) hatte den jungen Mann schon seit geraumer Zeit im Visier. Weil Mehlstäubl sich nicht freiwillig zum Ehrendienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) gemeldet hatte. Und weil er in Rumänien im Zug zufällig mit einem Westberliner im gleichen Abteil sass.

Wir treffen Andreas Mehlstäubl Ende Oktober in Berlin. Fester Händedruck, ernster Gesichtsausdruck. Das Gespräch dauert drei Stunden. Man taucht ein in eine unglaubliche Geschichte eines Verrats durch den eigenen Vater, die eigene Mutter. Seit Ende der 1980er-Jahre hat Mehlstäubl zu seinen Eltern keinen Kontakt. Der heute 54-Jährige: «Vergebung gibt es für mich in diesem Falle nicht. Meine Eltern sind für mich gestorben.»

Vater ist inoffizieller Mitarbeiter der Stasi

Mehlstäubl wächst zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder in Potsdam auf. Der Vater ist bei der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), die Mutter parteilos. Beide Eltern arbeiten als Archivare. Was der junge Andreas nicht weiss: Der Vater hat sich als inoffizieller Mitarbeiter (IM) in den Dienst der Stasi gestellt. Freiwillig, wie Mehlstäubl später aus den Akten herauslesen kann. Seit Andreas 16 ist, berichtet der Vater der Stasi auch über den aufmüpfigen Sohn, den es ­hinauszieht in die grosse, weite Welt.

1200 Seiten umfassen die Dokumente, die die Stasi über Mehlstäubl bis November 1989 angelegt hat. Das findet Mehlstäubl nach dem Fall der Mauer heraus. Zuerst dokumentiert der ­Vater nur Lappalien über den Sohn: Mit wem er sich trifft; mit wem er sich unterhält. Was er beim Abendessen ­erzählt. Dass der Sohn gerne nach Prag reist, wo er sich mit Freunden trifft.

«Wer flüchten will, verdrängt die Angst.»

Nach seiner Rückkehr aus Rostock nach Potsdam wächst in Mehlstäubl die Abneigung gegen den Staat. Im September 1986 stellt er einen Ausreiseantrag. Er schreibt Erich Honecker einen persönlichen Brief.

Was folgt, ist Schikane: Beruflich wird Mehlstäubl degradiert, er muss Schicht arbeiten, nachts und an Wochenenden. Aus seinem Tennisclub wird er rausgeschmissen. Mehlstäubl wird mit einer teilweisen Reisebeschränkung für das sozialistische Ausland belegt. Immer wieder wird er zu Gesprächen zur lokalen Stasi-Behörde von Potsdam zitiert.

Isolation, Schläge und Schlafentzug

Ende Mai 1987 fasst Mehlstäubl einen Fluchtplan. Trotz Reisesperre gelingt es ihm, mit der Bahn in die tschechoslowakische Stadt Domazlice nahe der westdeutschen Grenze zu gelangen. Er deckt sich mit Bolzenschneider, Blechschere und Handschuhen ein, läuft zur Grenze. Verbringt die Nacht zum 2. Juni 1987 in einem Waldabschnitt.

In der Morgendämmerung durchtrennt er den Stacheldrahtzaun. Der Alarm schlägt an. Schwer bewaffnete Soldaten eilen herbei. Mehlstäubl ergibt sich mit erhobenen Händen. «Angst spürt man in solchen Situationen nicht», sagt Mehlstäubl. «Wer flüchten will, verdrängt die Angst. Das ist auch heute so. Schauen Sie all die Menschen, die mit ihren Booten nach Europa kommen. Glauben Sie, die haben keine Angst?»

Verhör in Domazlice, zehn Tage ­Gefängnis in Pilsen folgen. Die Wärter schlagen ihn mit Knüppeln. Die ganze Nacht brennt das grelle Licht, Mehlstäubl findet keinen Schlaf.

Danach Überführung nach Prag und von dort mit dem Flugzeug zurück nach Ost-Berlin. Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Isolationshaft. Kein Kontakt zu niemandem, kein Buch, keine Arbeit, einfach nichts. Tödliche Langeweile. «Das war die Taktik der Stasi. Denn sie wollten ja, dass die Häftlinge bei den täglichen Verhören reden, weil sie endlich mit jemandem reden durften», sagt Mehlstäubl.

Die Stasi löchert ihn mit Fragen: Wer ist Mitwisser? Wer aus seinem Umfeld will flüchten? Zu wem hat er Kontakt im Westen? Nachts in der Zelle gilt die Regel: Auf dem Rücken liegen, Kopf zur Zellentür, Hände über der Bettdecke. Mehlstäubl wird nachts von den Wärtern mehrmals geweckt, weil er sich im Schlaf automatisch seitwärts dreht.

«Ich fühlte mich in Westberlin so fremd wie in ­Burundi»

Die Wärter schieben den Schubriegel, durch den sie in die Zelle gucken können, mehrmals heftig auf und zu oder treten mit ihren Stiefeln gegen die Stahltüre. Ein Höllenlärm. Ein Geräusch, das Mehlstäubl bis heute verfolgt. «Ich bin bis heute schreckhaft», sagt er.

Die Eltern sagen sich von ihrem eigenen Sohn los

Die Verhandlung dauert zehn Minuten, dann steht das Verdikt: 18 Monate Haft wegen versuchter Republikflucht. Noch während Mehlstäubl in Hohenschönhausen einsitzt, verfassen seine Eltern handschriftlich eine Bescheinigung. Darin steht, dass sich die Eltern von ihrem eigenen Sohn lossagen. Mehlstäubl wird – auch auf Druck der BRD – vorzeitig entlassen.

Seine Enttäuschung ist riesig, als er im Dezember 1987 vor dem Gefängnistor steht. Er hatte gehofft, dass er in die BRD ausreisen dürfe. Am 1. März 1988 erfüllt sich sein Traum vom Westen doch noch. Die DDR lässt ihn ausreisen. «Ich fühlte mich in Westberlin so fremd wie in ­Burundi», erinnert er sich.

Mehlstäubl lässt sich zum Sozialpädagogen ausbilden, arbeitet bis 2018 mit psychisch Kranken. Er hat zwei erwachsene Kinder. Seine Eltern verachtet er bis heute. «Sie zeigten keinerlei Widerstand gegen das System», sagt er. Wenn der Staat verlange, den eigenen Sohn zu verraten, «dann sagt man nein. Aber meine Eltern haben sich für Karriere und Arbeitsplatz und gegen ihr eigenes Kind entschieden.» (bzbasel.ch)

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