Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Frances Green, Margaret Kirchner, Ann Waldner und Blanche Osborn verlassen ihre «Pistol Packin' Mama» am Luftwaffenstützpunkt in Ohio. Sie gehörten zu den «Women Airforce Service Pilots», die während des Zweiten Weltkriegs Militärflugzeuge für die US-Luftwaffe überführten. bild: feministesentousgenres

Interview

Lügen-Quellen! Frauen erobern ihren wahren Platz in der Weltgeschichte zurück

Kerstin Lücker und Ute Daenschel haben eine «Weltgeschichte für junge Leserinnen» verfasst. Darin stellen die Historikerinnen den grossen Männern Frauen an die Seite – um ihnen endlich den Platz zurückzugeben, der ihnen jahrhundertelang so hartnäckig verweigert wurde.



«Ich, Christine», schreibt eine Frau um 1400. Sie gibt sich ohne den Schutz eines männlichen Pseudonyms als Frau zu erkennen. Und sie erklärt der Frauenfeindlichkeit den Krieg:

«Diejenigen, die Frauen aus Missgunst verleumdet haben, sind Kleingeister, die zahlreichen ihnen an Klugheit und Vornehmheit überlegenen Frauen begegnet sind. Sie reagierten darauf mit Schmerz und Unwillen, und so hat ihre grosse Missgunst sie dazu bewogen, allen Frauen Übles nachzusagen …»

Christine de Pizan, Das Buch von der Stadt der Frauen, 1405

Christine de Pizan kratzt mit ihrer spitzen Feder an jahrhundertealten Überzeugungen. Für sie sind die Frauen mehr als mangelhafte, unfertige Männer. Mehr als ein schwaches und schuldbeladenes Geschlecht, das den Rausschmiss aus dem Paradies zu verantworten hat. Mehr als eine Gefahr für die männliche Moral.

Bild

Christine de Pizan (1364 - 1429) liest vor einer Männergruppe. bild: wikimedia

Christine schreibt, dass die Seelen der Frauen genauso viel wert seien wie die der Männer. Dass sie ebenso vernunftbegabte Wesen seien und dasselbe zu leisten vermögen – liesse man sie nur machen. Mit Jeanne d'Arc hat sie den Beweis. Dieses einfache Bauernmädchen nimmt den Männern die Angst und befreit Orléans – die letzte Bastion der Franzosen im Hundertjährigen Krieg – von der englischen Belagerung.

Christine ist eine Feministin. Und sie stirbt, bevor die 19-jährige Jungfrau von Orléans als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird.

Christine und Jeanne d'Arc sind zwei der Frauen, die Platz in der «Weltgeschichte für junge Leserinnen» gefunden haben. Die Historikerinnen Kerstin Lücker und Ute Daenschel versuchen in diesem Buch, die andere Hälfte der Menschheit wieder in die Geschichte zu integrieren. Ihnen geht es nicht darum, die Männer herauszustreichen, sondern ihnen Frauen an die Seite zu stellen. Dorthin, wo sie eigentlich immer waren und wirkten, nur sind ihre Spuren nicht ganz einfach auszugraben.

English novelist Jane Austen, shown here in an original family portrait, was born in December 1775.

bild: wikipedia/watson

Wie die beiden Historikerinnen mit der schwierigen Quellenlage umgegangen sind und welches Ziel sie mit ihrem Buch verfolgen, erzählen sie im Interview:

Sie wollten keine Spezialgeschichte nur für und über Frauen schreiben. Wie würden Sie ihre «Weltgeschichte» stattdessen beschreiben?
Kerstin Lücker, Ute Daenschel: Frauengeschichte wird immer vor dem Hintergrund eines Weltwissens erzählt, das wir schon haben. Wir kennen Alexander den Grossen, Dschingis Khan und Napoleon, und dann kommt jemand und erklärt uns: Es gab da aber auch Frauen. Wir wollen jungen Leserinnen eine Weltgeschichte erzählen, in der beides von Anfang an da ist: Das, was man wissen muss, um die Weltgeschichte zu verstehen, und das, was die Frauen in der Geschichte gemacht haben. Ein bisschen so, als sei es ganz selbstverständlich, dass Weltgeschichte von Frauen und Männern handelt. Obwohl es eben noch nicht selbstverständlich ist. Das verändert natürlich die Gewichtung der Ereignisse. Da erscheint dann die Schlacht bei Issos vielleicht weniger wichtig als die Tatsache, dass Aristoteles behauptet hat: «Frauen sind unvollkommene Männer.» Immerhin haben die Menschen das 2000 Jahre lang geglaubt.

Sie wenden sich explizit an junge Leserinnen. Wie alt dürfen wir uns diese vorstellen?
Unsere Weltgeschichte richtet sich an Leserinnen ab 12 aufwärts – und an alle, die sich dafür interessieren.

Ist der Titel Ihres Buches angelehnt an «Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser», dem Jugendsachbuch des österreichischen Kunsthistorikers Ernst Gombrich?
Ja, tatsächlich war das unsere anfängliche Idee, zu Gombrichs «Weltgeschichte für junge Leser» eine «Weltgeschichte für junge Leserinnen» zu schreiben. Es ist aber doch etwas anderes geworden. Denn während Gombrich damals das Wissen über die Weltgeschichte für Jugendliche aufbereitet hat, haben wir versucht, die Frauen in diese Erzählung neu hineinzuweben. Das gibt es bisher auch für Erwachsene noch nicht.

Bild

Das Jugendsachbuch des österreichischen Kunsthistorikers erschien 1935 und wurde schnell zum Erfolg. Die Nationalsozialisten verboten es wegen seiner pazifistischen Gesinnung. bild: amazon

Bild

Das neu erschienene Gegenstück: Die Weltgeschichte von Lücker und Daenschel, die das Bild mit den wichtigen Frauen ergänzt. bild: kein&aber

Was sind die Schwierigkeiten, wenn man sich mit den Frauen in der Geschichte befasst? 
Das Hauptproblem ist, dass Frauen überhaupt wenig Spuren hinterlassen haben. Weil man sie vom öffentlichen Leben ausschloss, weil sie keine Bildung erhielten und deshalb oft nicht schreiben konnten. Obwohl das gar nicht bedeuten muss, dass sie den Gang der Weltgeschichte nicht auf ihre Weise beeinflusst haben. Die heilige Thekla zum Beispiel löste durch ihr Verhalten einen Skandal aus, der durch die ganze antike Welt hallte.

Noch Jahrhunderte später erinnerten die Menschen sich an sie. Viele Frauen schlossen sich ihr an, was der Verbreitung des Christentums einen grossen Schub verlieh. Nur zählt das heute nicht mehr, weil Thekla keine Texte hinterlassen hat. Schon etwa 200 Jahre später sagte ein Kirchenmann über Thekla: Vergesst ihre Geschichte, das sind doch alles Märchen.

Bild

Die heilige Thekla (1. Jh.), gemalt von Franz Thöne. Sie war Schülerin des Apostel Paulus, sie lehrte und taufte sogar. Der frühe christliche Schriftsteller Tertullian wertete die Quellen über sie bereits als Fälschung: Frauen, die sich einbilden würden, lehren zu dürfen, sollten dies wissen, wenn sie sich auf Thekla berufen. Als sie als Christin hingerichtet werden sollte, wurde sie der Überlieferung nach wie durch ein Wunder vor den wilden Tieren gerettet. Sie starb als Eremitin. bild: catholic4lifeblog

So etwas ist häufig passiert. Andere Frauen wurden in extrem schlechtem Licht dargestellt, als rachsüchtig und intrigant. Das war vermutlich bei Olympias von Epirus so, der Mutter von Alexander dem Grossen, und bei Agrippina, der Mutter von Kaiser Nero. Und Lucrezia Borgia ging als verrucht in die Geschichte ein, obwohl Zeitgenossen sie als intelligent, aufrichtig und bescheiden beschrieben.

Bild

Lucrezia Borgia, die uneheliche Tochter Papst Alexanders VI. Ihr Vater steht heute symbolisch für die unersättliche Machtgier und moralische Korruption des Renaissance-Papsttums. Sie selbst muss also selbstverständlich auch verrucht und verschwenderisch gewesen sein. bild: wikimedia

Wie hat das Ihre Recherche-Arbeit beeinflusst?
Die vorhandenen Quellen sind in manchen Epochen – vor allem bis etwa 400 n. Chr. – äusserst spärlich. Wir haben sehr viele Bücher gelesen, auch über Alltags-, Sozial- und Ideengeschichte, um wenigstens ein paar Informationen über Frauen zusammenzutragen. Noch schwieriger war es bei der aussereuropäischen Geschichte. Wenn man nicht gerade Sinologie studiert hat, ist es nicht einfach, etwas über Frauen in China zu erfahren. Hier haben wir das Gefühl, nur an der Oberfläche kratzen zu können. Wobei China sich über die englischsprachige Literatur noch einigermassen bewältigen liess. Im Gegensatz zu Indien. Dort gab es zwar immer wieder Königinnen, insbesondere in den Mogulreichen. Aber für ein blosses Name-dropping, eine Galerie herrschender Frauen, hatten wir keinen Platz. Wir haben die Frauen ja vor allem danach ausgewählt, wie sie sich in die Erzählung der Weltgeschichte einbinden liessen.

Sie mussten also etwas Besonderes geleistet haben, um in Ihrem Buch einen Platz zu bekommen?
Wir haben Weltgeschichte lose so definiert, dass wir gesagt haben: Zu ihr gehören Personen und Ereignisse, die die Welt zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Doch in der Frauenforschung wird meist nicht nach dem Beitrag der Frauen zur Weltgeschichte gefragt. Da heisst es dann über Frauen in der italienischen Renaissance: Sie waren sehr gebildet, konnten dichten und philosophieren. Aber haben sie damit aktiv zur Entwicklung der neuen Ideen beigetragen, die für die Renaissance prägend waren? Oft konnten wir das so schnell nicht herausfinden.

Welche der historischen Frauen hat sie persönlich beeindruckt?
Christine de Pizan, die ihre Texte Ende des 14. Jhs. mit «Ich, Christine» beginnt. Das ist selbst für heutige Verhältnisse ganz schön selbstbewusst. Aischa, die Lieblingsfrau von Mohammed. Sie hat nach dem Tod des Propheten der Gemeinde seine Lehre erläutert und ihre Anhänger in eine Schlacht geführt. Völlig selbstverständlich und ganz selbstbewusst. Wie die Geschichte des Islam wohl verlaufen wäre, wäre Aischa zum Rollenvorbild geworden?

Die Hinrichtung von Marie Antoinette, 1793. Keinen Monat später ereilte Olympe de Gouges dasselbe Schicksal. Sie forderte von der Nationalversammlung, ihre «Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin» schnellstens zu verabschieden. Sie verlangte eine universal-egalitäre Verfassung, denn die gerade in Kraft getretene sei illegitim und nichtig, weil das weibliche Volk nicht vertreten und an deren Ausarbeitung gar nicht beteiligt gewesen sei. bild: feministesentousgenres

Olympe de Gouges, nicht nur, weil sie die Rechte der Frau und Bürgerin formulierte, sondern auch, weil sie die Schreckensherrschaft der Jakobiner kritisierte und deswegen selbst auf dem Schafott landete. Aber auch Männer wie François Poulain de la Barre, der gesagt hat: Männer und Frauen haben dieselben Fähigkeiten, ungeachtet ihrer biologisch unterschiedlichen Körper. Oder der Marquis de Condorcet, der meinte, nur weil eine Frau schwanger sein kann, muss sie doch das Bürgerrecht genauso ausüben können wie ein Mann. Schliesslich erkälten sich Männer oder erkranken an Gicht.

Was können die Frauen der Moderne von ihren Vorgängerinnen lernen?
Vielleicht, was wir zu allen Zeiten immer wieder neu lernen müssen: Dass der Mensch zählt, Charakter, Können, Wissen – unabhängig von Geschlecht und Hautfarbe.

Passend dazu: Fast alle ungenügend, aber auf gutem Weg: Disney-Prinzessinnen im Gender-Check

Video: watson.ch

Kerstin Lücker, Ute Daenschel: Weltgeschichte für junge Leserinnen

Dieses Buch erzählt von Frauen, die Geschichte machten, und die trotzdem kaum jemand kennt: Von Sitt al-Mulk, die das Amt des Kalifen in Kairo übernahm. Von Malintzin, ohne deren Hilfe die Spanier Mexiko nicht erobert hätten. Von Wu Zetian, die als chinesischer «Kaiser» dazu beitrug, den Buddhismus in China zu verbreiten. Und von Ada Lovelace, die das erste Computerprogramm schrieb und damit das digitale Zeitalter einläutete.
Das Buch ist im «Kein & Aber»-Verlag erschienen und hier erhältlich.

An dieser Liste lässt sich gut erkennen, wie sehr die Frauen unterpräsentiert sind:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Jakob Fischbacher*. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus Syrien …

Artikel lesen
Link zum Artikel