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Verschwörungstheorie (Symbolbild)

Manchmal denken Verschwörungstheoretiker in die richtige Richtung, ziehen dann aber die falschen Schlüsse. Bild: Shutterstock

Wo Verschwörungs-Theoretiker (fast) recht haben: 5 Thesen

Verschwörungstheorien mögen im Detail Quatsch sein, doch einige ihrer Grundmotive sollten wir ernst nehmen.

Marko Kovic



Verschwörungstheorien, also evidenzfreie und logisch nur leidlich schlüssige Hypothesen, dass ein Ereignis oder Zustand in Tat und Wahrheit durch eine geheime Verschwörung verursacht wurde, sind so alt wie die menschliche Zivilisation.

Heutzutage haben Verschwörungstheorien aber eine neue Qualität erlangt. Sie sind längst kein Randphänomen mehr, sondern mittlerweile im Kern unseres gesellschaftlichen Diskurses angekommen. Nicht zuletzt dank des Internets: Die modernen Möglichkeiten der Online-Kommunikation – jede Person, die will, kommt öffentlich zu Wort – verleihen Verschwörungstheorien heute eine noch nie dagewesene Präsenz und Prominenz.

Marko Kovic

Bild: zVg

Marko Kovic
denkt und schreibt zu gesellschaftlichem Wandel und Technologie-bezogenen Risiken. Zu hören ist er im Podcast Das Monokel.
kovic.ch

Das demonstriert nicht zuletzt die Coronavirus-Pandemie. Egal, ob auf Whatsapp, YouTube, Telegram oder Facebook: Bizarre, manchmal amüsante, aber wohl auch nicht ganz ungefährliche Coronavirus-Verschwörungstheorien werden mehr oder weniger auf allen Kanälen quasi im Minutentakt erstellt, geteilt, geliked. Egal, ob es um die Entstehung des neuen Coronavirus, um das Krankheitsbild von Covid-19, oder um das individuelle und gesellschaftliche Vorgehen gegen die Pandemie geht – für alles findet sich eine Verschwörungstheorie, und der Glaube an die eine oder andere davon ist keine Ausnahme, sondern fast schon die Regel.

Angesichts der Welle an abstrusen Verschwörungstheorien, mit denen wir uns als Gesellschaft in der Pandemie, aber auch darüber hinaus tagein, tagaus konfrontiert sehen, ist es rein emotional naheliegend, mit Verschwörungstheorien und ihrer Anhängerschaft kurzen Prozess zu machen: Verschwörungsgläubige sind einfach Spinner, und alles, was sie glauben und behaupten, ist kompletter Schwachsinn. Eine solch dezidiert ablehnende Haltung mag eine kathartische Wirkung für uns haben und gut für unsere Psychohygiene sein (ob zu viel Quatsch qualmt uns die Rübe), doch ganz so einfach dürfen wir es uns nicht machen.

Verschwörungstheorie Coronavirus (Symbolbild)

Im Lauf der Corona-Pandemie haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. Bild: Shutterstock

Auch im Umgang mit Verschwörungstheorien und ihren Verfechterinnen und Verfechtern sollten wir möglichst das «Principle of Charity», das Prinzip des Wohlwollens, zum Tragen kommen lassen. Dieses besagt, dass wir versuchen müssen, das Gegenüber so zu interpretieren, als sei es nicht irrational, und zwar auch dann, wenn uns das, was das Gegenüber erzählt, ziemlich wirr scheint. Es könnte ja sein, dass ein wie auch immer gearteter Übersetzungsfehler oder ein Missverständnis vorliegt.

Unter Anwendung des Principles of Charity bleiben Verschwörungstheorien zwar im Kern irrational (das macht eine Verschwörungstheorie zur Verschwörungstheorie), doch es gibt gewisse Motive und Triebfedern, mit denen die Verschwörungstheoretiker ein Stück weit durchaus recht haben. Und genau diese Aspekte vieler Verschwörungstheorien, die bis zu einem gewissen Grad legitime und wichtige Kritik darstellen, behandeln wir im «Mainstream» der öffentlichen Debatte zu wenig, oder wir ignorieren sie sogar komplett.

Es gibt mindestens fünf solcher Punkte, bei denen Verschwörungstheoretiker in die richtige Richtung denken, dann aber die falschen Schlüsse ziehen.

These 1: Die Welt ist ungerecht

Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, empfinden sich oft als machtlos und sie haben einen eher tieferen sozio-ökonomischen Status (weniger Geld, weniger Vermögen, weniger Bildung, weniger Aufstiegsmöglichkeiten). Ihre Sicht auf die Welt ist damit von ihren eigenen materiellen Umständen geprägt: Mit der Welt, wie sie ist, stimmt etwas nicht, weil es mir und vielen weiteren Menschen nicht gut geht und keine Aussicht auf Besserung existiert.

Mit dieser Einschätzung haben sie denn auch grundsätzlich recht. Unterschiede bei Einkommen und insbesondere bei Vermögen nahmen in den letzten Jahrzehnten weltweit zu, und auch in reichen westlichen Ländern gibt es eine grosse Unterschicht an Menschen, die in einem permanenten wirtschaftlichen Prekariat darben. Aussicht auf tiefgreifende, strukturelle Verbesserung besteht derzeit kaum, denn der Status Quo ist kein Zufallsprodukt, sondern die Folge jahrzehntelanger aktiver neoliberaler Bestrebungen.

Eine Ikone sozialer Ungleichheit in São Paulo, Brasiliens größter Stadt: Das Paraisópolis Favela und die Luxusgebäude

Ungerechte Welt: Favelas und Luxuswohnungen liegen in São Paulo direkt nebeneinander. Bild: Shutterstock

Systemkritik wird im Rahmen der vorherrschenden neoliberalen Leitideologie denn auch recht einfach diskursiv vom Tisch gefegt – das Problem liegt einfach bei der «individuellen Verantwortung» und der «individuellen Freiheit». Wem es schlecht geht, ist selber schuld. Das System ist fair und gerecht; in unserer meritokratischen «Leistungsgesellschaft» kann jede und jeder es schaffen. Das ist natürlich ein Mythos, aber einer, der sich in der politischen Debatte hartnäckig hält.

Verschwörungs-affine Menschen haben also durchaus recht mit der Kritik, dass die Welt fundamental ungerecht ist. Als moralisch zivilisierte Gesellschaft müssen wir denn auch ernsthaft darum bemüht sein, dieses Problem zu lösen. Doch es ist ein Fehler, aus dieser wichtigen und richtigen Prämisse zu schliessen, dass alles Schlimme, was in der Welt passiert, ebenfalls ein Ausdruck menschengemachter Ungerechtigkeit ist. Unsere Gesellschaft hat fundamentale Probleme, die mit den Interessen der Bessergestellten zusammenhängen, doch nicht alles, was schief läuft, ist Ausdruck von oder Folge dieses Problems.

These 2: Relativ wenige Menschen haben enorm viel Macht

Während der Coronavirus-Pandemie wurde Bill Gates, der bekannte Gründer von Microsoft, zur wohl prominentesten Zielscheibe von Verschwörungstheoretikern. Gates habe, je nach Verschwörungstheorie, die Pandemie entweder komplett inszeniert (es gibt gar kein neues Coronavirus) oder bewusst losgetreten (Gates hat das neue Coronavirus freigelassen), um dadurch eine weltweite Zwangsimpfung einzuführen, mit denen alle Menschen eine Art GPS-Chip eingepflanzt erhalten, der sie für immer komplett überwachbar macht.

Das ist natürlich Quatsch der gröberen Sorte. Doch warum kaprizieren sich so viele Verschwörungstheoretiker ausgerechnet auf Bill Gates? Gates ist nicht nur ein Computernerd, sondern heute mit seinem Vermögen von über 110 Milliarden Dollar einer der reichsten Menschen auf dem Planeten. Seit seinem Abgang bei Microsoft widmet sich Gates primär seinen philanthropischen Bestrebungen, und zwar in erster Linie über seine Stiftung, die «Bill and Melinda Gates Foundation».

Diese Stiftung engagiert sich unter anderem im Bereich Gesundheit. So ist die Stiftung beispielsweise einer der grössten Geldgeber der Weltgesundheitsorganisation WHO: Rund 10 Prozent des WHO-Budgets stammen von Bill Gates. Falls die Vereinigten Staaten tatsächlich wie angekündigt im Juli 2021 aus der WHO austreten, dürfte die Gates-Stiftung der grösste Geldgeber der WHO werden.

FILE - In this Sep. 16, 2019 file photo, Melinda Gates, left, talks to Indian author Chetan Bhagat, unseen, as Bill Gates looks at the audience during an interaction organized by the Bill and Melinda Gates foundation in New Delhi, India. Bill and Melinda Gates aren't backing down from honoring India Prime Minister Narendra Modi despite concerns about human rights abuses in the disputed Kashmir region. A group delivered 100,000 petition signatures to the Gates Foundation's Seattle headquarters Monday, Sept. 16, 2019, asking the world's largest private nonprofit not to honor Modi's sanitation initiative that improved access to toilets. The Foundation says it respects the petitioners but that Modi will receive its Goalkeepers Global Goals Award. (AP Photo/Manish Swarup, File)
Melinda Gates,Bill Gates

WHO-Geldgeber: Bill Gates mit Gattin Melinda. Bild: AP

Um solche Umstände problematisch zu finden, braucht man kein Verschwörungstheoretiker zu sein. Kein Mensch auf der Welt sollte so viel Macht wie ein Bill Gates, ein Jeff Bezos (178 Milliarden), ein Michael Bloomberg (60 Milliarden), ein Mark Zuckerberg (86 Milliarden) haben. In der heutigen Ära des globalen Investorenkapitalismus konzentriert sich wirtschaftliche Macht weltweit ganz allgemein auf ein relativ engmaschiges Netz von Individuen, Familien und Organisationen. Die 26 reichsten Menschen der Welt besitzen so viel Vermögen wie die rund 4 Milliarden Menschen, die die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen. Die reichsten 1 Prozent der Welt besitzen über 40 Prozent des gesamten Weltvermögens.

Diese krasse Machtkonzentration muss uns Sorgen machen. Nicht, weil diese Elite für alles Schlimme in der Welt verantwortlich ist. Sondern schlicht, weil diese Form der Machtkonzentration nicht kompatibel mit Idealen wie Demokratie und Gleichheit ist – wer Macht hat, setzt diese ein, um die eigenen materiellen Bedingungen zu sichern und möglichst noch weiter zu verbessern. Das darf uns nicht egal sein.

Gleichzeitig ist es irrational, zu meinen, Machtkonzentration bedeute, dass alles Schlimme in der Welt darauf zurückzuführen sei. Wer Vermögen hat, hat Macht; wer Macht hat, hat sehr grossen Einfluss und manchmal sogar die totale Kontrolle. Aber wenn wir alles Chaos und Leid der Welt pauschal der Elite der Mächtigen in die Schuhe schieben, verabschieden wir uns nicht nur von rationaler Kritik, wir überschätzen auch die Kompetenz der Mächtigen. Macht zu haben verleiht keine fast übernatürlichen Fähigkeiten, die unzähligen schlimmen Ereignisse auf der Welt im Geheimen orchestrieren zu können.

These 3: Im Kapitalismus zählt Profit über alles

Ein beständiges Motiv in Verschwörungstheorien ist der Vorwurf, dass das Profitmotiv von Grossunternehmen diese dazu verleitet, Unlauteres zu tun und sprichwörtlich oder sogar wortwörtlich über Leichen zu gehen. Diese Unterstellung wird beispielsweise gerne der Pharmaindustrie gemacht, nicht zuletzt auch in der Coronavirus-Pandemie. Und die Kritik hat was. Veranschaulichen lässt sich die Problematik am haarsträubenden Tamiflu-Skandal.

Tamiflu ist ein antivirales Arzneimittel des Pharmaunternehmens Roche, das im Zuge der Schweinegrippe-Pandemie von 2009 Berühmtheit erlangte. Die WHO empfahl den Regierungen der Welt bereits vor der Pandemie, Tamiflu provisorisch zu lagern, was diese auch dank der Roche-Lobbyarbeit fleissig taten; bis 2009 verdiente Roche über 18 Milliarden Dollar mit Tamiflu. Mit der Schweinegrippe-Pandemie explodierte dann die Nachfrage, weil es kein anderes wirksames Mittel oder gar eine Impfung gegen die Schweinegrippe gab.

Einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern war das mittlerweile weltberühmte Tamiflu aber suspekt. Roche hatte nämlich die Daten zu den klinischen Studien, welche die Wirksamkeit von Tamiflu belegten, nur sehr unvollständig veröffentlicht – und sich auch nach der Schweinegrippe-Pandemie jahrelang geweigert, alle Daten preiszugeben.

ZUR STUDIE BEZUEGLICH DES NUTZENS VON TAMIFLU STELLEN WIR IHNEN FOLGENES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Das Grippe-Medikament

Bombengeschäft für Roche: Tamiflu. Bild: KEYSTONE

Erst lange nach der Schweinegrippe-Pandemie und nach vielen Milliarden Gewinn, welche Tamiflu Roche beschert hatte, hat der Pharmariese 2013 doch eingelenkt und alle Daten der Wissenschaft zur Verfügung gestellt. Das Ergebnis: Tamiflu wirkt so gut wie gar nicht und hat massive Nebenwirkungen.

Tamiflu war ein gigantischer Skandal mit ebenso gigantischen Folgen für Roche. Könnte man zumindest meinen. In Tat und Wahrheit hatten die fast unvorstellbar krassen Lügen rund um Tamiflu (die Verantwortlichen wussten natürlich von Anfang an, dass Tamiflu im Wesentlichen nutzlos ist) keinerlei Konsequenzen für Roche. Im Gegenteil: Das Unternehmen macht auch heute noch Milliardengewinne – und Tamiflu ist weiterhin auf dem Markt.

Die Fundamentalkritik, dass grosse Unternehmen zugunsten ihrer Inhaber und Investoren Profit über alles stellen und auch politisch bestens abgesichert sind, beschreibt die Realität unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung ziemlich treffend. Der Denkfehler, den Verschwörungsanhänger aber begehen, ist, daraus zu schliessen, dass alles Schlimme, was passiert, die Folge kapitalistischer Interessen sein muss. Es ist oft plausibel, dass das Profitmotiv eine Rolle spielen kann, aber ohne konkrete Evidenz und stringente Logik verkommt die notwendige Kritik zur blossen Verschwörungstheorie.

These 4: Es gab und gibt Verschwörungen

Verschwörungstheoretiker werden nicht müde, zu betonen, dass es doch viele belegte Fälle von Verschwörungen gibt. Und sie haben damit recht: Verschwörungen sind ein alltägliches Instrument in Politik und Wirtschaft.

Ein auch heute noch erstaunliches Beispiel ist die inszenierte Polio-Impfkampagne der CIA im Jahr 2011 in Pakistan. Die CIA wollte mit einer vorgetäuschten Impfkampagne gegen Polio DNA-Spuren sammeln, die Aufschluss über Osama Bin Ladens Aufenthaltsort geben sollten. Die im Zuge dieser Operation vorgenommene Polio-Impfung war wirkungslos – die CIA hat direkt in Kauf genommen, dass Kinder an Polio erkranken und Höllenqualen leiden, obwohl sie sich in Sicherheit wähnten.

Aber der Schaden dieser Fake-Impfkampagne hatte noch eine zweite, viel grössere Dimension: Als die Spionage-Kampagne aufflog, sanken die Polio-Impfraten in Pakistan und weiteren Ländern massiv, weil viele Menschen begreiflicherweise befürchteten, Impfungen seien allgemein ein gefährliches Werkzeug des Westens und gar keine Medizin.

epa02558543 A Pakistani health worker gives a Polio vaccination to a child in Pakistan at Chaman border with Afghanistan, on 31 January 2011. Millions of children below five years of age are given polio drops in different intervals of the year, as part of the government's vaccination drive aimed at eradicating the virus. EPA/MATIULLAH ACHAKZAI

Polio-Impfung an der pakistanisch-afghanischen Grenze, Januar 2011. Bild: EPA

Regierungen, Unternehmen und sonstige Organisationen schrecken in der Tat nicht vor drastischen Mitteln zurück, um ihre nicht selten moralisch verwerflichen Interessen zu stärken und ihre Ziele zu erreichen. Darum ist es definitiv vernünftig, eine kritische Grundhaltung gegenüber Machthabern aller Art zu pflegen. Eine kritische Grundhaltung kippt allerdings ins Verschwörungstheoretische, wenn ein schlimmes Ereignis oder ein schlimmer Zustand immer und grundsätzlich als die Folge einer Verschwörung angesehen wird, ungeachtet der Evidenzlage und der logischen Schlüssigkeit. Der Umstand, dass es Verschwörungen gab und gibt, befreit uns nicht von der rationalen Pflicht, in konkreten Verdachtsfällen nach Evidenz und Argumenten zu suchen.

These 5: Medien sind zu wenig kritisch und stützen den Status Quo

Journalistische Medien haben in demokratischen Gesellschaften eine sehr wichtige Funktion. Sie zeigen auf, was unsere kollektiven Probleme sind, und sie diskutieren, wie wir diese Probleme lösen können. In diesem Zusammenhang sprechen wir auch gerne von der «vierten Gewalt»: In demokratischen Staaten gibt es nicht nur die politisch-bürokratischen Eliten in Form von Exekutive, Legislative und Judikative, sondern auch die kritische massenmediale Öffentlichkeit, welche den Mächtigen auf die Finger schaut.

In der Theorie zumindest. In der Praxis sind Journalistinnen und Journalisten und ihre Medienhäuser oft viel weniger kritisch, als sie sich auf die Fahne schreiben. Warum, haben Edward Herman und Noam Chomsky in ihrem Klassiker «Manufacturing Consent» beschrieben. Medien sind nicht einfach komplett unabhängige und neutrale Beobachter der Realität. Bei der journalistischen Aufnahme, Verarbeitung und Wiedergabe von Informationen üben stattdessen unterschiedliche Filter einen verzerrenden Einfluss aus.

Cover

Bild: Amazon.de

Einer dieser Filter ist beispielsweise der Umstand, dass praktisch alle Medienorganisationen direkt oder indirekt von wirtschaftlichen Interessen beeinflusst werden. Viele Medienhäuser sind private Unternehmen, mit denen die Besitzer Gewinne erwirtschaften wollen. Aber auch Medienorganisationen, die nicht direkt kapitalistisch strukturiert sind, sind oftmals vom Kapital abhängig, etwa in Form von Werbung, die von Unternehmen geschaltet wird, oder Spenden, die von Unternehmen und reichen Einzelpersonen stammen.

In so einem ökonomischen Spannungsfeld sind viele Themen de facto tabu. Eine private Zeitung zum Beispiel, die sich ernsthaft der Kapitalismuskritik widmet, würde damit am eigenen kapitalistischen Ast sägen. Das Tabu muss dabei gar kein direkter «Befehl von oben» sein; es kommt den Beteiligten schlicht gar nicht erst in den Sinn, gewisse Themen aufzugreifen.

Ein weiterer wichtiger verzerrender Filter im Journalismus ist der direkte Draht, den Medien zu Eliten und Macht pflegen. Medien sollen zwar die Mächtigen kritisieren, aber gleichzeitig ist eines der höchsten Güter im Journalismus der Zugang zu eben diesen Mächtigen. Wer die exklusiven und aufsehenerregenden Geschichten will, braucht gute Kontakte. Dieses Streben nach Zugang bedeutet aber ganz direkt, dass man es sich mit den Mächtigen eben nicht verscherzen will – wer die eigenen Kontakte und Quellen verärgert, riskiert, diese versiegen zu lassen.

Die Problematik des zu wenig kritischen Journalismus kann auch mit dem sogenannten Indexing beschrieben werden. Indexing bedeutet, dass es im Journalismus gewisse Normen gibt, nach denen Quellen und das «Framing» für Geschichten – also die Art und Weise, wie über etwas berichtet wird – ausgewählt werden. In der Regel sind diese Normen in allen Medienorganisationen sehr ähnlich, und sie bedeuten in der Praxis eine starke Orientierung an Eliten: In der Berichterstattung dominieren die Themen, welche politische und wirtschaftliche Eliten auf ihrer Agenda haben, und die Art und Weise, wie berichtet wird, orientiert sich an der Art und Weise, wie Eliten die Themen rahmen und präsentieren.

Faktoren wie die Manufacturing-Consent-Filter oder das Indexing haben zur Folge, dass das gesamte Mediensystem eine inhärent Status-quo-stützende Funktion hat und profunde Kritik ins Hintertreffen gerät. In den journalistischen Alltagsroutinen spielt gesellschaftliche Fundamentalkritik kaum eine Rolle; tonangebend ist stattdessen der Status Quo der politischen und wirtschaftlichen Eliten.

Verschwörungstheoretiker begehen hier aber einen Denkfehler und vermuten hinter dieser verkümmerten Kritikfunktion der Medien eine grossangelegte Verschwörung: Eine «Lügenpresse» werde aktiv zentral von dunklen Mächten gesteuert, um von den eigentlichen Problemen abzulenken. Das ist komplett falsch. Die Verzerrtheit zugunsten des Status Quo bei vielen Medien ist nicht die Folge einer gigantischen Verschwörung, sondern tief verwurzelter struktureller Probleme. Medienorganisationen werden nicht von ominösen Verschwörern gesteuert – sie sind zu wenig kritisch, weil sie angesichts ihrer Organisationsform, ihrer ökonomischen Abhängigkeiten und ihrer journalistischen Routinen und Traditionen nicht anders können, als sich dem sanften Zwang des Status Quo hinzugeben.

Wie weiter? Debunking ist ok, aber wir brauchen mehr Gesellschaftskritik

Die Diskussion rund um Verschwörungstheorien dreht sich zumeist um die Frage, wie solche Theorien am besten entkräftet werden können. Das ist wichtig und richtig, aber mit dem «Debunking» von Verschwörungstheorien ist es nicht getan.

Die tiefer liegenden Beweggründe von Verschwörungstheorien sind keine Hirngespinste, sondern reale gesellschaftliche Probleme, derer wir uns gegenwärtig zu wenig annehmen. Wenn die für viele Menschen einzige zugängliche Gesellschaftskritik die Form von Verschwörungstheorien annimmt, flüchten sie sich eben wenig überraschend in diese. Darum ist es unabdingbar, uns als Gesellschaft einen kritischen Spiegel vorzuhalten, wenn wir nachhaltig gegen Verschwörungstheorien vorgehen wollen. Im Detail mögen Verschwörungstheorien blanker Unsinn sein, aber sie sind Ausdruck eines legitimen grundsätzlichen Unbehagens mit dem Zustand der Dinge.

Dieses Unbehagen und die realen Probleme, durch welche es zustande kommt, sollten wir ernst nehmen. Ansonsten überlassen wir das Feld den Irrationalen.

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