Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die Enigma-K, welche die Schweiz im Zweiten Weltkrieg verwendete, war leicht zu knacken.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Swiss_enigma.jpg

Die Enigma-K, welche die Schweiz im Zweiten Weltkrieg verwendete, war leicht zu knacken. Bild: Wikimedia

So knackten die Nazis die Schweizer Enigma

Wieso konnten die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs den verschlüsselten Funkverkehr der Schweiz mühelos abhören? US-Geheimdokumente haben das Rätsel gelöst.

Dominik Landwehr / Schweizerisches Nationalmuseum



Herbst 1948. Der Zweite Weltkrieg ist seit dreieinhalb Jahren vorbei. In dieser Zeit erreicht Bern ein umfangreiches Dokument. Geschrieben hat es ein Codespezialist, der sich im Krieg auf deutscher Seite mit verschlüsselten Schweizer Funksprüchen befasst hat. Inhalt: Nazi-Deutschland konnte den verschlüsselten Funkverkehr der Schweiz mühelos abhören! Das tönt zwar überraschend, war aber bereits in jener Zeit kein Schock für die Schweiz.

Dazu muss man Folgendes wissen: Die Schweiz benutzte im Zweiten Weltkrieg deutsche Chiffriertechnik. Zum Einsatz kam die berühmte Enigma-Chiffriermaschine, die vor dem Krieg auf dem Markt frei erhältlich gewesen war. Offen verkauft wurde aber primär eine wenig sichere Variante, die Enigma-K.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Mehrmals wöchentlich spannende Storys zur Geschichte der Schweiz: Die Themenpalette reicht von den alten Römern über Auswandererfamilien bis hin zu den Anfängen des Frauenfussballs.
blog.nationalmuseum.ch

Verfasser des Dokumentes ist ein gewisser Bruno Kröger. Geschrieben wurde es in Kaufbeuren in Bayern. Kröger erklärt darin in allen Einzelheiten, wie sich die Schweizer Enigma knacken lässt. Der Autor gibt an, dass allein die Entschlüsselung der ersten Walze mit fünf bis sechs Arbeitskräften einige Wochen dauerte. Die übrigen beiden Walzen konnten dann allerdings binnen einiger Tage entschlüsselt werden. Dann folgert er: «Jedenfalls besteht für die Enigma-Chiffriermaschine Type K keine Möglichkeit, sie in ihrem augenblicklichen Zustand so zu verwenden, dass sie den Sicherheitsansprüchen genügen kann.»

Danach holt Bruno Kröger wesentlich weiter aus und unternimmt den Versuch, allgemeine Regeln für die Sicherheit eines Chiffrierverfahrens aufzustellen. Erst am Schluss des Dokuments kommt er zur eigentlichen Sache: Er sucht ganz einfach Arbeit und bietet der Schweiz seine Dienste als Kryptografie-Experte an.

Auch andere hörten mit

Das Dokument war lange nicht im Bundesarchiv, sondern nur bei den Kryptografie-Spezialisten der Schweizer Armee. Aus heutiger Sicht stellen sich eine Reihe von Fragen: Ist das Dokument echt? Stimmt die beschriebene Methode zur Entschlüsselung? Wie hat die Schweiz damals reagiert? Wer war Bruno Kröger?

Der Kryptologe Frode Weierud stellte schon 2012 fest: «Die von Bruno Kröger beschriebene Methode, um die Enigma K zu entschlüsseln, ist korrekt und ähnlich wie die Methoden, welche die Briten in Bletchley Park benutzt haben.» Die Schweiz hat das Dokument damals als authentisch erachtet. Die Informationen waren allerdings nicht ganz neu. Man wusste bereits während des Krieges um die Schwächen der Maschine.

Später zeigte sich: Nicht nur die Deutschen, auch die Polen, Briten und Amerikaner konnten die Schweizer Geheimnisse fast mühelos lesen! Noch während des Zweiten Weltkrieges startete man deshalb mit der Entwicklung einer eigenen Chiffriermaschine, welche diese Mängel nicht mehr hatte. Sie trug den Namen Nema – ein Kürzel für Neue Maschine. Die Nema kam allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg zum Einsatz.

Chiffrierungsgerät. Rotor-Chiffriermaschine NEMA der Schweizer Armee und des schweiz. diplom. Korps, benützt 1947 bis 1976. Ausbildungsversion. Komplet mit Accessoires. Herstellung: Hersteller Zellweger AG, Uster. Datiert nach Quelle 1947 - 1950. 14,8 x 33,2 x 38,4 cm. 10700 g (Koffer geschlossen). 

Provenienz:
17.09.2018     Schweizerisches Nationalmuseum, Kauf von  Ulrich Iten
 2010 bis  17.09.2018 Tausch

Die Nema-Chiffriermaschine der Schweiz kam ab 1947 zum Einsatz. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Bletchley Park

Der Name Bruno Kröger taucht erstmals in einem Dokument auf, das 1997 veröffentlicht wurde. Es ist ein Protokoll aus dem Forschungsamt der Reichsluftfahrt, einer der zahlreichen nachrichtendienstlichen Einrichtungen im Dritten Reich. Im Juni 2010 gibt der US-Geheimdienst NSA erneut Dokumente aus dem Zweiten Weltkrieg frei. Diesmal ist es ein umfassender über 1000 Seiten dicker Report, der sogar im Internet publiziert wird und heute noch zugänglich ist. Er liest sich stellenweise wie ein Kriminalroman!

Zu den wichtigsten Erkenntnissen des Berichts des Target Intelligence Committee (TICOM), einer amerikanisch-britischen Organisation, die während des Zweiten Weltkriegs die Aufgabe hatte, die deutschen Codes zu knacken, gehörte die Feststellung, dass deutsche Kryptoanalytiker nicht in der Lage waren, Kryptografie-Systeme auf höchster Stufe zu lesen. Und so ahnten sie im Dritten Reich auch nichts von der riesigen Entschlüsselungsoperation im britischen Bletchley Park. Dort arbeiteten hunderte von Frauen und Männern Tag und Nacht an der Entschlüsselung des geheimen deutschen Funkverkehrs.

abspielen

TV-Dokumentation (englisch) über den legendären Bletchley Park. Video: YouTube/Ian Beckett

Zurück zur Frage, wer Bruno Kröger war. Der Name taucht im TICOM-Report mehrmals im Zusammenhang mit dem Forschungsamt auf. Dieses Forschungsamt war eine Dienststelle der Nazi-Geheimdienste und kümmerte sich um die Auswertung von Telefon-, Telegraf- und Funkverkehr. Sie unterstand Hermann Göring (1893–1946). Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe liess sein Forschungsamt gegen Ende des Krieges von Berlin nach Kaufbeuren verlegen.

Hermann Göring nach seiner Verhaftung im Mai 1945.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_G%C3%B6ring#/media/Datei:Goeringcaptivity.jpg

Hermann Göring nach seiner Verhaftung im Mai 1945. Bild: Wikimedia

Nach Lektüre dieses Berichts besteht kein Zweifel mehr darüber, wer Bruno Kröger war: ein Kryptografie-Spezialist eines Nachrichtendienstes des Dritten Reichs, der in Kaufbeuren in amerikanische Gefangenschaft geriet und dort über seine Tätigkeit und seine Verbindungen Rechenschaft ablegte. Den Bericht dürfte er für die Amerikaner geschrieben haben – die Schweiz erhielt denn auch nur einen Durchschlag des Dokumentes. Im gleichen Dienst arbeitete übrigens auch der Mathematiker Erich Hüttenhain (1905–1990). Er war für die USA so wichtig, dass er nach dem Krieg von den US-Truppen nach Amerika gebracht wurde. Später wurde er der führende deutsche Kryptologe!

Im TICOM-Report taucht der Name Kroeger auf. Er wird als Spezialist im Team von Chef-Kryptoanalyst Erich Hüttenhain bezeichnet. 
https://www.nsa.gov/news-features/declassified-documents/european-axis-sigint/

Im TICOM-Report taucht der Name Kroeger auf. Er wird als Spezialist im Team von Chef-Kryptoanalyst Erich Hüttenhain bezeichnet. Bild: NSA

Die Akte zum Thema Bruno Kröger und die Schweiz ist noch nicht geschlossen. Wer mit dem Begriff TICOM in US-Archiven sucht, findet einige hundert Berichte, vor allem Interviews. Sie sind noch nicht ausgewertet. Was Bruno Kröger nach 1948 gemacht hat, ist nicht bekannt. Vielleicht findet sich eine Antwort darauf in diesen Dokumenten.

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «So knackten die Nazis die Schweizer Enigma» erschien am 23. September.
blog.nationalmuseum.ch/2020/09/schweizer-enigma

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das wurde aus der Führungsriege des «Dritten Reiches»

Kryptoindustrie kann Stromversorgung an ihre Grenzen bringen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

28 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
Rainbow Pony
30.09.2020 20:51registriert February 2018
Interessante Geschichte, danke dafür. „Lustig“ zu sehen, dass die Schweiz bereits damals die beste Armee der Welt war. Wer kauft denn eine Chiffriermaschine auf dem freien Markt?!
14354
Melden
Zum Kommentar
max_schnauz
01.10.2020 09:49registriert October 2020
Deutscher Offizier: "Herr Oberst, wir haben die schweizer Nachricht entschlüsselt: 4. Armeekorps hat kein Fondue mehr, erbitten dringend Lieferung. Merci PS: Auch gleich Kambly Guezli bringen!"
614
Melden
Zum Kommentar
Joe Smith
30.09.2020 23:55registriert November 2017
Und ab 1970 verkaufte dann die Zuger Firma Crypto AG unsichere Chiffriergeräte in alle Welt. Geschichte wiederholt sich eben doch.
350
Melden
Zum Kommentar
28

Als die Schweiz noch «Krokodile» exportierte

1925 erhielt die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur den Auftrag, «Krokodil»-Lokomotiven für die Great Indian Peninsula Railway zu bauen.

Am 16. April 1853 verlässt ein reich geschmückter und mit 400 illustren Passagieren besetzter Sonderzug der Great Indian Peninsula Railway (GIPR) den Boree-Bunder-Bahnhof in Bombay. Das Eisenbahn-Zeitalter hat Indien erreicht. Der mit 14 Waggons bestückte Zug wird von drei aus England gelieferten Dampflokomotiven gezogen. Sie tragen die Namen: Sultan, Sindh und Sahib.

Von da an gedeiht das Streckennetz auf dem damals britisch beherrschten Subkontinent kontinuierlich, denn mit der Bahn sollte der …

Artikel lesen
Link zum Artikel