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El Oued um 1924.
http://doi.org/10.3932/ethz-a-000080698

El Oued um 1924. Bild: ETH-Bibliothek

Männerkleider, Alkohol und Haschisch: Die schrei­ben­de Nomadin

Wie Isabelle Wilhelmine Marie Eberhardt (1877–1904) in Männerkleidung durch die Sahara reist, sich mit Alkohol und Haschisch berauscht und ihr unkonventionelles Leben in Tagebüchern und Reiseberichten festhält.

Sandrine Vuilleumier / Schweizerisches Nationalmuseum



Isabelle Eberhardt kommt 1877 im Genfer Stadtviertel «Les Grottes» zur Welt – als uneheliche Tochter einer russischen Adligen, die mit Alexander Trofimowski, dem Hauslehrer ihrer Kinder in die Schweiz durchgebrannt war. Das Mädchen wächst in der Villa Neuve in Meyrin auf, einem unkonventionellen, kosmopolitischen Haushalt, in dem alle Sprachen gesprochen werden. Mit 18 Jahren veröffentlicht sie unter dem Pseudonym Nicolas Podolinski die Kurzgeschichte Vision du Moghreb.

Schon damals findet sie Gefallen am Transvestitismus, begeistert sich für exotische Gegenden und lernt Arabisch. So kommt es, dass sie einen Briefwechsel mit dem ägyptischen Journalisten Abou Naddara beginnt, dem Mann mit der blauen Brille, der sie nachhaltig beeinflusst, und mit Ali Abdul Wahab, mit dem sie Freundschaft schliesst.

Porträt von Isabelle Eberhardt im Matrosenanzug, 1901.
https://de.wikipedia.org/wiki/Isabelle_Eberhardt#/media/Datei:Isabelle_Eberhardt.jpg

Porträt von Isabelle Eberhardt im Matrosenanzug, 1901. Bild: Wikimedia

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1897 reist sie erstmals nach Algerien, begleitet von ihrer Mutter, die während der Reise verstirbt. In dieser Zeit konvertiert die junge Frau zum Islam und erläutert dies in einer Kurzgeschichte mit dem Titel Silhouettes d’Afrique. Les Oulémas. Aus Geldmangel ist sie gezwungen, nach Genf zurückzukehren, wo sie eine geplante Heirat mit einem türkischen Diplomaten ausschlägt. Ihr «Vormund» Alexander Trofimowski stirbt an Krebs, wenig später nimmt sich ihr Bruder Wladimir das Leben.

Isabelle Eberhardt in arabischen Gewändern, um 1900.
https://de.wikipedia.org/wiki/Isabelle_Eberhardt#/media/Datei:IsEberhardt.jpg

Isabelle Eberhardt in arabischen Gewändern, um 1900. Bild: Wikimedia

1899 bricht Isabelle erneut auf: zu Ali Abdul Wahab nach Tunesien, von wo aus sie die Sahara erkundet. Heimgesucht von den Toten ihrer Familie, hin- und hergerissen zwischen ihren Wurzeln, zieht sie immer weiter umher. Sie ist in Männerkleidung unterwegs und nimmt verschiedene Pseudonyme an. Beispielsweise nennt sie sich Mahmoud Essadi. Ihre Verkleidungen sind eine Flucht: Sie entflieht damit der Überwachung, der sie ausgesetzt ist, ihrem Status als Frau, ihrer europäischen Kultur. Auf ihren Reisen lebt sie mit Beduinen, übernimmt ihre Bräuche, hüllt sich in ihre Gewänder und schläft unter freiem Himmel. Ihre Eindrücke hält sie in den Tagwerken fest. Sie lebt frei, berauscht sich mit Alkohol und Haschisch und hat zahlreiche Affären.

Das Verhalten von Isabelle Eberhardt sorgt für Empörung. In einem anonymen Schreiben wird sie sogar der Spionage und Verschwörung gegen Frankreich bezichtigt, woraufhin Hauptmann Cauvet eine Untersuchung gegen sie einleitet. Er wird später versuchen, die junge Frau zu verteidigen, indem er ein derbes Bild von ihr zeichnet und behauptet, sie habe eine «lasterhafte» Faszination für die Eingeborenen entwickelt. Seine Vorgesetzten bleiben aber bei der Überzeugung, dass sie eine Bedrohung darstellt. Die Verbindung der jungen Frau zu Freunden des Marquis de Morès, der 1896 in der Sahara ermordet worden war, kommt vermutlich erschwerend hinzu. Diese Affäre, bei der die Kolonialbehörden eine zweifelhafte Rolle spielen, ist dem Ansehen von Isabelle nicht gerade zuträglich. Sie arbeitet für Jules Delahaye, den Bevollmächtigten der Witwe des Marquis und Kritiker der französischen Regierung.

Porträt von Isabelle Eberhardt, um 1900.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Isabelle-eberhardt-portrait-3.jpg

Porträt von Isabelle Eberhardt, um 1900. Bild: Wikimedia

Nach einem Aufenthalt in Sardinien mit ihrem Liebhaber Abdelaziz Osman, dem im Rahmen der Morès-Affäre verhafteten Kontaktmann, pendelt Isabelle zwischen Genf und Paris, wo sie sich für eine Weile niederlässt und ihren Mentor Delahaye trifft. Ausserdem führt sie einen regen Briefverkehr mit der Reiseschriftstellerin Lydia Pachkow. Trotz der Unterstützung der beiden bleiben die Türen der Geographischen Gesellschaft und der Redaktionen, an die Isabelle sich wendet, verschlossen. Das hindert sie jedoch nicht daran, erneut das Abenteuer zu suchen und neben weiteren Geschichten den Roman Trimardeur zu beginnen.

Seite aus «Contes et paysages», einem Werk von Isabelle Eberhardt.
https://doi.org/10.3931/e-rara-69156

Seite aus «Contes et paysages», einem Werk von Isabelle Eberhardt. Bild: e-rara.ch

Als sie im Jahr 1900 nach El Oued zurückkehrt, wird sie in den Sufi-Orden Quadriya aufgenommen und hat näheren Kontakt mit seinem religiösen Oberhaupt. Hier lernt sie den Unteroffizier Slimène Ehnni, einen Moslem französischer Nationalität kennen, und geht mit ihm eine Liebesbeziehung ein. Doch mehrere aufeinanderfolgende Einsätze trennen das Paar und zerschlagen die Hoffnung auf Heirat immer wieder.

1901 wird die Abenteurerin mit einem Säbel angegriffen und verletzt. Laut den Ermittlungen soll der Attentäter ein Fanatiker einer verfeindeten religiösen Gruppe gewesen sein, doch die Dossiers in den Archiven lassen andere Vermutungen zu: Möglicherweise galt der Angriff dem namhaften Ordensmitglied Si El Hachemi und Isabelle war lediglich ein Kollateralschaden, oder es handelte sich um eine gegen Frankreich gerichtete Tat, was aber vertuscht werden sollte. Nach einem Spitalaufenthalt reist Isabelle zu ihrem Geliebten nach Batna, wird jedoch zum Ende des Prozesses gegen den Attentäter aus Algerien ausgewiesen. Sie begibt sich nach Marseille, wohin ihr Slimène im August folgt. Im Oktober heiratet das Paar standesamtlich.

Isabelle Eberhardts Gemahl, Slimène Ehnni, vor 1907.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Slimane_Ehnni.png

Isabelle Eberhardts Gemahl, Slimène Ehnni, vor 1907. Bild: Wikimedia

Da sie nun die französische Staatsbürgerschaft besitzt, darf Isabelle wieder nach Algerien einreisen. Die beiden ziehen 1902 nach Algier und dann nach Ténès, wo Slimène als Sekretär und Dolmetscher eingesetzt wird. Isabelle veröffentlicht ihre Reportagen in der französisch-arabischen Wochenzeitung L’Akhbar, gegründet von dem französischen Journalisten und Schriftsteller Victor Barrucand, den sie im Frühjahr zuvor kennengelernt hat. Nach ihrem Tod wird er ihr Werk herausbringen.

1903 flieht Isabelle vor einer Verleumdungskampagne gegen sie nach Algier. Im Herbst arbeitet sie als Kriegsreporterin im Süden der Provinz Oran, wo sie dem französischen Oberst Hubert Lyautey begegnet. Von ihrem zweiten Aufenthalt in der Region im darauffolgenden Jahr kehrt sie erkrankt zurück. Mit nur 27 Jahren kommt sie am 21. Oktober 1904 auf tragische Weise ums Leben, als ihr Haus in Aïn-Sefra überflutet wird. Hubert Lyautey, der ihre Manuskripte aus den Trümmern ihres Hauses bergen lässt, ist es zu verdanken, dass ihr Werk überlebt.

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Kurzfilm zu Isabelle Eberhardt auf Arte. Video: YouTube/ARTEde

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Die schrei­ben­de Nomadin» erschien am 26. April.
blog.nationalmuseum.ch/2021/04/isabelle-eberhardt-die-schreibende-nomadin

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So schön sieht es aus, wenn es in der Sahara schneit

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