Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Liegehalle Schatzalp in Davos: Dieses Sanatorium diente Thomas Mann als Vorbild für den Roman «Der Zauberberg».

Liegehalle Schatzalp in Davos: Dieses Sanatorium diente Thomas Mann als Vorbild für den Roman «Der Zauberberg». ETH Bibliothek, Bildarchiv

Die weisse Pest – wie Tuberkulose und Spanische Grippe die Schweiz heimsuchten

Heute verbreitet das Coronavirus Angst, Schrecken und Unsicherheit – vor 100 Jahren wurde die Schweiz mit tödlicher Wucht von der Tuberkulose und der Spanischen Grippe heimgesucht.

Michael van Orsouw / Schweizerisches Nationalmuseum



Vor genau 100 Jahren wurde Hans Castorp nach Davos in die Kur geschickt. Er hatte Tuberkulose und traf dort im Höhensanatorium auf eine zivilisationsmüde Bourgeosie, welche die Langeweile pflegte und sich im eigenen Leiden suhlte. Man legte Patiencen, lauschte der Kammermusik, pflegte seine Briefmarkensammlungen und stopfte Kuchen und Schokolade in sich hinein. Die in sich geschlossene Welt solcher Heilstätten umgab eine eigenartige «Mischung von Tod und Amüsement».

Doch dieser Hans Castorp, der in Davos auch «Zanksucht» und «kriselnde Gereiztheit» feststellte, war nicht real; er war eine Phantasiefigur des grossen Schriftstellers Thomas Mann (1875–1955) und der Protagonist in Manns Roman «Der Zauberberg», der ab 1920 entstand. Das Buch war ein Welterfolg; 1924 erschien es und erreichte in den ersten vier Jahren bereits eine phänomenale Auflage von 100'000 Exemplaren. 1929 wurde Thomas Mann dann mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, Neuauflagen und Übersetzungen in 27 Sprachen folgten, die Schweizer Tuberkulose-Szene in der Höhenklinik verbreitete sich in der ganzen Welt.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Mehrmals wöchentlich spannende Storys zur Geschichte der Schweiz: Die Themenpalette reicht von den alten Römern über Auswandererfamilien bis hin zu den Anfängen des Frauenfussballs.
blog.nationalmuseum.ch

Auch wenn «Der Zauberberg» ein Jahrhundertwerk war, sah der Roman über die Realität hinweg. Denn die Tuberkulose war nicht die Krankheit von wohlstandsverwahrlosten Reichen, sondern die Krankheit der Armen, die sich keine Heilstätten leisten konnten.

Offene Liegehalle für TB-Kranke: Das Hôpital Pourtalès in Neuchâtel.

Offene Liegehalle für TB-Kranke: das Hôpital Pourtalès in Neuchâtel. ETH Bibliothek, Bildarchiv

Schwindsucht oder weisser Tod

Während heute das Covid-19-Virus vor allem ältere Menschen und solche mit einer Vorerkrankung tötet, traf vor 100 Jahren die Tuberkulose die Menschen in engen Wohnverhältnissen, die ohne frische Luft in miefigen Verhältnissen hausen mussten. Die Tuberkulose war eine soziale Krankheit, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Menschen in den Mietskasernen und dunklen Hinterhöfen hinwegraffte.

Auch wenn der Mikrobiologe Robert Koch 1882 den verantwortlichen Erreger benennen konnte und das Medikament Tuberkullin entwickelte: Die Tuberkulose blieb die Volkskrankheit Nummer eins, sie wurde auch «Schwindsucht», «Weisse Pest» oder «Weisser Tod» genannt. So starben noch in den zehn Jahren von 1916 bis 1925 in der Schweiz über 50'000 Menschen an der Lungentuberkulose. Die Faustregel galt, dass jeder Siebte an Tuberkulose sterbe!

Der deutsche Mediziner und Mikrobiologe Robert Koch.

Der deutsche Mediziner und Mikrobiologe Robert Koch. Bild: Wikimedia

Die Nidwaldner Schriftstellerin Isabelle Kaiser, die selber an der Krankheit litt, publizierte zum 1. August 1921 das Gedicht «Der moderne Drache» im Nidwaldner Volksblatt:

«Man glaubt, die Welt sei mächtig fortgeschritten,
Die Zeit der Drachen sei für uns vorbei. (...)
Und doch, mein Volk, es rast durch alle Lande
Ein Ungeheuer mit verseuchtem Schlund,
Der reisst entzwei die heiligsten der Bande,
Macht blütenjunge Leiber siech und wund.
Ein wilder Geier, kreist er durch die Lüfte,
Und hackt sich ein in jede zarte Brust,
Als Schacherer des Todes und des Grüfte.
Da, wo er niedersaust, erstirbt die Luft. (...)»

Die Worte sind gut gewählt und zeigen die Not der damaligen Zeit: Die Tuberkulose bekommt Gestalt als «moderner Drache» und «wilder Geier». Damit nicht genug: Zur Jahrhundertkrankheit Tuberkulose kam 1918 noch die «Spanische Grippe» hinzu. Zwischen Juli 1918 und Juni 1919 starben allein in der Schweiz 24'449 Menschen daran – die Spanische Grippe war damit die tödlichste Katastrophe der Schweiz im 20. Jahrhundert.

Zwei Krankenschwestern um 1920: Sie standen im Dauereinsatz.

Zwei Krankenschwestern um 1920: Sie standen im Dauereinsatz. Bild: Sammlung Rogenmoser, Erica Albisser-Iten, Oberägeri

Direkte Kontakte oder Tröpfchen

Die Grippe übertrug sich gleich wie Tuberkulose durch direkte Kontakte oder Tröpfchen – das kommt uns in Zeiten von Corona sehr bekannt vor. Nach der Ansteckung nahm die Spanische Grippe einen dramatischen Verlauf. Die Fieberkranken bekamen neben üblichen Grippesymptomen Flecken im Gesicht, spuckten Blut, ihre Körper verfärbten sich, am Ende erstickten sie elend. Die violett verfärbten Leichen stapelten sich geradezu. Der bekannte Schriftsteller Stefan Zweig notierte im Oktober 1918 in sein Zürcher Tagebuch: «Eine Weltseuche, gegen die die Pest in Florenz oder ähnliche Chronikgeschichten ein Kinderspiel sind. Sie frisst täglich 20'000 bis 40'000 Menschen weg.»

Marie Heim-Vögtlin als Patientin im Bett.

Eine an Tuberkulose erkrankte Frau. ETH Bibliothek, Bildarchiv

Nach zwei Grippewellen flachte die Kurve der Erkrankten wieder ab. Doch diejenige der Tuberkulose-Kranken blieb. Ärzte hielten landauf, landab Vorträge, in Städten wurden in Restaurantsälen «Lehrfilme zur Volksaufklärung» gezeigt, die – wie die «Luzerner Neusten Nachrichten» 1921 schrieben – der «Abwehr dieser schrecklichen Geissel der Menschheit» dienen sollten. Statt des Social Distancing von heute kursierte ein Mahnspruch: «Jeder, der auf den Boden spuckt, spuckt in die Lunge des Nächsten!» Zudem gründeten Kantone und private Hilfsorganisationen wie Lungenligen spezialisierte Höhenkliniken in der ganzen Schweiz. Ende der 1920er-Jahre gab es in der Schweiz nicht weniger als 88 Sanatorien – wie jenes, welches Thomas Mann im «Zauberberg»-Roman beschrieben hatte.

Davos hatte übrigens das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, weil Thomas Mann «den Ort in gesundheitlicher Hinsicht in Verruf» gebracht habe. Daraufhin bestellte der Verkehrsverein des Ortes beim humoristisch schreibenden Schriftsteller Erich Kästner einen heiteren Roman über Davos. Kästner verfasste deshalb ein Buch mit Alfons Mintzlaff als Hauptfigur. Er nannte seine Hauptperson in Anlehnung an Manns «Zauberberg» und an Goethes «Faust» anspielungsreich «Der Zauberlehrling». Doch das Werk blieb erfolglos, weil in der Regel krasse Geschichten besser ankommen als liebliche. Aber auch das kennen wir aus der Gegenwart.

Bei Kindern ebenso beliebt wie bei Erwachsenen: Schriftsteller Erich Kästner.

Bei Kindern ebenso beliebt wie bei Erwachsenen: Schriftsteller Erich Kästner. Bild: Wikimedia

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Die weisse Pest» erschien am 22. Juli.
blog.nationalmuseum.ch/2020/07/pest

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Spanische Grippe – die Mutter aller Pandemien

Die Schweiz ist nicht ganz unschuldig

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

14
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • -thomi- 27.07.2020 10:27
    Highlight Highlight Ui. Buch überhaupt gelesen? Es erschien 1924. Es beginnt 7 Jahre vor Ausbruch des 1. Weltkrieges und endet mit diesem, weil Hans Castorp einrückt. Hans Castorp hat keine Tuberkulose. Er fuhr in die Berge, seinen Vettern zu besuchen. Er fuhr auf drei Wochen. Und blieb 7 Jahre.
    Der Vetter, Joachim Ziemssen hatte allerdings Tuberkulose, weshalb er sich im Hotel Berghof (Schatzalp) aufhielt.

    Wenn man schon ein Jahrhundertwerk zitiert, sollte man es auch gelesen haben.
    Tchuligom.
  • Ani_A 26.07.2020 23:27
    Highlight Highlight Sehr spannend und gut, dass auch an die Tuberkulose erinnert wird!
  • Maya Eldorado 26.07.2020 22:01
    Highlight Highlight Mein Grossvater ist an der spanischen Grippe gestorben.
    Meine Grossmutter blieb zurück mit 3 Kindern (Mein Vater war das dritte, etwas über jährig). Mit dem vierten und jüngesten war sie schwanger. Nicht einfach zu jener Zeit.
    • Lioness 27.07.2020 00:06
      Highlight Highlight Meine Urgrossmutter, deren Schwägerin und deren Sohn erlagen auch der spanischen Grippe. Ihr Bauernhof erlangte mit 3 Toten traurige Erwähnung in den Emmentaler Chroniken. Mein Grossvater war da auch erst 8, als er seine Mutter verlor.
  • sansibar 26.07.2020 21:18
    Highlight Highlight Sehr spannend 👍 weiss jemand gerade, wie lange es solche Sanatorien gab? Meine Mutter (Ü70) verbrachte, so weit ich weiss, etliche Monate dort...
    • Aglaya 26.07.2020 21:54
      Highlight Highlight Gemäss Wikipedia teilweise wohl bis in die 1980er. Die Höhenklinik Davos beispielsweise bis 1972.
    • TheRealDude 26.07.2020 21:57
      Highlight Highlight Die Schatzalp, ebenfalls eine ehemaliges Sanatorium (siehe 1. Bild) gibt es immer noch. Es sieht auch teilweise noch so aus wie vor hundert Jahren. Speisesaal, Lobby und die Anbauten sind grösstenteils im Originalzustand. Heute ist es ein Hotel. Ein Besuch lohnt sich!
    • damigu 26.07.2020 22:54
      Highlight Highlight Hier ein schon etwas alter Artikel aus Deutschland: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schweiz-der-kranke-zauberberg-1.901681
      Heute gibt es noch zwei Kliniken die auf Atemwegserkrankungen spezialisiert sind: Das Nederlands Astmacentrum und die Hochgebirgsklinik (Allergien, Atemwegs- und Hauterkrankungen).

      Auf dem Bild ist übrigens der heutige Zustand der in Manns “Zauberberg“ beschriebenen Klinik zu sehen😅
      Benutzer Bild
    Weitere Antworten anzeigen

So starben diese 12 Putin-Gegner

Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny kämpft um sein Leben: Der 44-jährige Kreml-Kritiker liegt im Koma und wird beatmet. Er war während eines Flugs in Ohnmacht gefallen, nachdem er eine Tasse Tee getrunken hatte. Der Anwalt von Nawalnys Fonds zur Bekämpfung von Korruption, Wjatscheslaw Gimadi, sagte: «Es besteht kein Zweifel, dass Nawalny wegen seiner politischen Position und seiner Tätigkeit vergiftet wurde.»

Es wäre nicht das erste Mal, dass eine dem russischen Machtzirkel um …

Artikel lesen
Link zum Artikel