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33 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer gaben in einer Umfrage des Bundesamtes für Gesundheit an, sich übermässig mit gesunder Ernährung zu beschäftigen. (Symbolbild) bild: shutterstock

Orthorexie: Wenn zu viel gesundes Essen krank macht

Aus Angst, dem Körper zu schaden, ernähren sich immer mehr Leute krankhaft gesund.

noemi lea landolt / nordwestschweiz



33 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer gaben in einer Umfrage des Bundesamtes für Gesundheit an, sich übermässig mit gesunder Ernährung zu beschäftigen. (Symbolbild)

«Säure-Basen-Balance», «Der Paleo Code», «Warum Weizen dick und krank macht»: In Buchhandlungen stapeln sich Ratgeber, die uns erklären, was dem Körper guttut und was ihm schadet. Bin ich übersäuert? Soll ich so essen wie in der Steinzeit? Lohnt es sich, auf Weizen zu verzichten?

«Ich liebe mein ‹Grünzeug› total!»

Kristin, Autorin von «Eat, train, love»

Was in unserem Magen landet, wird immer wichtiger. Egal wo, erzählen Leute, worauf sie gerade verzichten (Brot, Milch, Pasta) und auf welche neuartigen Nahrungsmittel sie schwören (Chia-Samen, Goji-Beeren, grüne Algen). Im Internet wimmelt es von Blogs, in denen selbsternannte Vorbilder der gesunden Ernährung ihre Rezepte teilen und von ihrer wundersamen Verwandlung berichten, seit sie Fertigprodukten, Zusatzstoffen und Zucker abgeschworen haben.

«In meinem Kopf hat es ‹klick› gemacht. Ich wollte meinem Körper nicht mehr die Industrie-Fertig-Pampe geben», schreibt Kristin, die Autorin des Buches «Eat, train, love», auf ihrem Blog. Und weiter: «Ich liebe mein ‹Grünzeug› total! Einmal am Tag muss es ein grosser Salatteller sein. Roh verarbeite ich Gemüse und Obst aber auch zu grünen Smoothies oder grünen Säften.» Auf den Blogs fehlt auch nie der Grund, weshalb sich eine Ernährungsumstellung lohnt: «Ich fühle mich wacher, habe mehr Energie, eine schönere Haut und eine bessere Verdauung.»

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Quinoa-Avocado-Salat mit Chia-Samen und Apfel: Hipster-Küche, ahoi!
bild: shutterstock

Gegen gesunde Ernährung kann man eigentlich nicht sein. Weniger Zucker und Fertigprodukte sind ohne Zweifel besser. Aber gesundes Essen kann zum Zwang werden. Krank machen. Betroffene teilen ihr Essen in die Kategorien gesund und ungesund ein. Was ungesund ist, landet nicht auf dem Teller. Die Definition dessen, was gesund ist, wird immer enger gefasst. Mit der Folge, dass immer weniger Lebensmittel den Weg auf den Teller finden. Psychologen und Ernährungsberater sprechen von Orthorexie. Ähnlich wie Magersüchtige verbringen Orthorektiker die meiste Zeit damit, strikte Regeln zu befolgen, wenn es um ihre Ernährung geht. «Essen ist für sie nicht mehr selbstverständlich. Sie machen sich sehr viele Gedanken darüber, was richtig ist», sagt Bettina Isenschmid, Chefärztin des Kompetenzzentrums für Essverhalten am Spital Zofingen.

Auswärts essen? Eine Tortur!

Den Begriff Orthorexie hat der amerikanische Arzt Steven Bratman erstmals im Jahr 1997 geprägt. Bis heute ist Orthorexie – im Gegensatz zu Anorexie oder Bulimie – nicht in den gängigen Klassifikationssystemen enthalten. Sie gehört also offiziell nicht zu den Essstörungen, obwohl Betroffene ein krankhaftes Essverhalten zeigen.

«Ich bestelle fast nur Beilagen.»

Bloggerin Julie

In der Schweiz achten auffällig viele Menschen extrem darauf, was sie essen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat bereits 2010 eine repräsentative Umfrage zur Häufigkeit von Essstörungen in der Schweiz durchgeführt. Fast jede dritte befragte Person gab an, sich übermässig mit gesundheitsfördernder Ernährung zu beschäftigen, gesunde Nahrungsmittel zu wählen, ungesunde zu vermeiden und strikte Ernährungsregeln zu befolgen.

Der Besuch im Restaurant wird so zur Tortur. Auf der Karte findet sich oft nichts, was den eigenen, strengen Regeln entspricht. Die Kollegen bestellen Pizza und löffeln zum Dessert einen Coup Dänemark. Food-Bloggerin Julie schreibt zum Thema Restaurant: «Ich bestelle fast nur Beilagen. Ich weiss, das klingt verrückt, aber die Beilagen sind für mich meistens das Beste in der Speisekarte.»

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Für viele überhaupt kein Genuss: Pizza beim Italiener.
bild: shuttertsock

Im Gegensatz zu Magersüchtigen geht es Orthorektikern nicht darum, abzunehmen oder dünn zu sein. Sie essen auch regelmässig. «Führend ist immer die Angst, dem Körper zu schaden», sagt Bettina Isenschmid. «Es geht um gesunde Gedanken und einen reinen Körper.» Am Spital Zofingen behandelt sie nur sehr wenig orthorektische Patientinnen und Patienten. «Sie melden sich selten, weil sie sich selber nicht als krank sehen – sie ernähren sich ja einfach gesund.» Wenn sich jemand melde, dann seien es oft Angehörige. Zum Beispiel ein Vater, der sich Sorgen um seine Kinder macht, weil die Mutter auch ihnen nur noch «gesundes» Essen auftischt. Das muss die Kinder zwar nicht zwingend gleich krank machen, kann aber mit der Zeit zu Mangelerscheinungen führen.

Nervst du dich ab dem Superfood-Hype?

Orthorektiker zu therapieren sei schwierig, weil sie ihr Essverhalten nicht verändern möchten, sagt Isenschmid: «Wir versuchen deshalb oft, das Leiden des Mitmenschen zu thematisieren, um so auf die Ernährung zu sprechen zu kommen.»

«Wer sowieso schon unsicher ist, kann über strenge Ernährungsregeln Halt finden.»

Chefärztin Bettina Isenschmid

Die Grenze zwischen gesund und krankhaft gesund überschreiten viele Menschen, ohne dass sie es merken. Plötzlich sind sie Gefangene der eigenen Regeln. Bei den meisten beginnt das orthorektische Verhalten mit körperlichen Beschwerden. Sie haben zum Beispiel Bauchschmerzen und verzichten dann – oft ohne seriöse Abklärung – auf Gluten oder Laktose, weil sie es irgendwo lesen oder es jemand aus dem Bekanntenkreis erzählt. Weil unser Darm flexibel ist, passt er sich an, verändert sich. Mit der Zeit tut er sich schwer mit Laktose und Gluten. Orthorektiker fühlen sich bestätigt. Ein Teufelskreis.

Verunsicherung als Nährboden

Welche Rolle spielen da Ernährungsratgeber? Welche Migros und Coop, die gesunde Ernährung mit neuen Produktlinien aktiv bewerben? Bettina Isenschmid kritisiert, dass die Detailhändler mit ihrem Angebot ein überbesorgtes Publikum bedienen: «Wer sowieso schon unsicher ist, kann über strenge Ernährungsregeln Halt finden.» Das übergesunde Essverhalten ist für die Ärztin eine Art, Ängste zu äussern. «Der wahre Grund der Essstörung liegt oft vergraben, der Nährboden ist meistens eine Verunsicherung.» Eine Verunsicherung, die überspielt wird, indem in der Küche Gemüse gedämpft und Inhaltsstoffe genauestens überprüft werden. Bis man vor lauter Gesundheit krank wird. 

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